Cheerleader Valley Kapitel 2: Cherry Cheer

Mitte Juli und einige stressige Semesterklausuren später war es dann soweit: Nachdem Lisa und ich mit dem Zug vom Taunus über Frankfurt und Hamburg nach Cuxhaven gefahren waren und anschließend noch kurz ein Taxi genommen hatten, betraten wir den Sportpark und gingen in dessen gut ausgeschilderte Mensa, in der die Teilnehmer am Cheerleader Valley begrüßt wurden. Dort schaute ich mich erst einmal um und war beeindruckt. Wie der Prospekt des Sportparks war das Innere des Raums in einer edlen Kombination aus schwarz- und bronzefarbenen Tönen gehalten. Weit entfernt vom Charme einer typischen Universitäts- oder Bürokantine war hier alles tipptopp gepflegt und hatte echten Stil. Auch lag durch die unaufdringlich funktionierende Klimatisierung nicht irgendein Essensgeruch in der Luft. Das war alles wirklich angenehm, da Sauberkeit und frische Luft ja auch was für sich haben. Und klar. Ihr habt recht! Natürlich zeigten mir diese Gedanken, dass konservative Ideen anfingen, sich langsam in meinen 23-jährigen Kopf einzunisten. Aber sind wir doch mal ehrlich. Wer von uns hat sich denn beim Essen in der Jugendherberge so richtig pudelwohl gefühlt? Sehr ihr! Hab ich mir gedacht.

»Ich glaube wir müssen da drüben hin«, sagte Lisa und zeigte zu einem Informationstisch, an dem zwei junge Frauen Mappen an die Neuankömmlinge verteilten. Beide trugen Cheerleading Uniformen, die aus einer Kombination von perlweißen Tops und knielangen Röcken mit sandgoldenen Streifen bestanden.

»Okay«, antwortete ich, wohl wissend, dass damit mein Erster Kontakt mit der Welt des Cheerleadings unmittelbar bevorstand und es mich auf einmal überall leicht kribbelte.

»Hallo. Wir sind Katrin Mara und Lisa Kamp«, sagte Lisa zu einer der beiden Frauen, nachdem wir bei ihnen angekommen waren.

»Hallo Lisa. Hallo Katrin. Ich bin Natalie, von den ›Golden Lions‹. Ich hoffe, ihr habt Spaß hier«, antwortete sie und drückte jedem von uns einen Willkommensumschlag in die Hand. »Mal sehen. Ja, ihr seid beide bei den ›Velvet Ravens‹«, erklärte uns Natalie weiter. »Deren Tisch ist da vorne. Geht einfach hin, dann bekommt ihr alle weiteren Informationen. Aber Moment, wartet noch. Zieht bitte diese Armbinden an. Dann wissen wir, wer zu welchem Squad gehört, solange ihr eure Uniformen noch nicht tragt.

»Gibt es denn eine Tragepflicht mit ›nix Süßes zum Abendessen‹, wenn man mal ohne erwischt wird?«, fragte ich Natalie, während ich mir die anthrazitfarbene Armbinde zum Oberarm hochzog.

»Nein«, lachte Natalie. »Beim Training, bei Vorführungen und bei Turnieren tragt ihr natürlich die Cheerleading Uniform eures Squads, aber den Rest der Zeit könnt ihr so rumlaufen, wie ihr wollt. Nur glaubt mir: Nach spätestens zwei Tagen werdet ihr eure Uniformen mit so viel Stolz tragen, dass ihr sie auch anlasst, wenn ihr mal zum Essen oder zum Shoppen in die Stadt geht – und nicht vergessen, das kommt auch bei den Jungs richtig gut an.«

»Danke«, grinste Lisa und zwinkerte mir noch mal zu, bevor wir zu dem Tisch der Velvet Ravens gingen.

»Hey. Du must Katrin sein – und du Lisa«, begrüßte uns eine junge, zierliche Frau Anfang 20. Sie hatte schulterlange, rotbraune Haare und eine fröhliche Stimme, in der ein ganz, ganz leichter englischer Akzent zu hören war. »Ich bin Anne Allen … Anne, die Choreografin der Velvet Ravens«, stellte sie sich weiter vor. »Setzt euch zu uns … und kleinen Moment … Mel, schaust du kurz?«

Während wir uns setzten, drehte sich Anne um und winkte eine Frau mit glatten, bis leicht über die Schulter gehenden goldblondenen Haaren herbei. Sie sah nett aus, strahlte aber durch ihren Blick und durch das schwarze Haarband, das ihre Frisur zusammenhielt, eine gewisse Autorität und Vernunft aus. Dennoch schien sich ihre Art gut mit dem offensichtlichen Optimismus und der leichtschwebenden Quirligkeit von Anne zu ergänzen.

»Melanie, das sind Katrin und Lisa. Katrin und Lisa, das ist Melanie. Sie ist der Captain der Velvet Ravens. Sie leitet das Training und sagt uns, wo es langgeht«, stellte uns Anne einander vor.

Ich zuckte erst mal leicht zusammen, als ich den letzten Satz hörte. Auch wenn mir klar war, dass es natürlich in jedem Squad jemanden geben musste, der das Sagen hat, so hoffte ich dennoch, dass sich Melanie nicht als ein Cheertyrann entpuppen würde. Ihr wisst schon, so einer wie der miese Captain der Bounty. Den Typen, den erst Clark Gable und dann Marlon Brando ins Wasser geworfen hat. Uh, nee. Das wär’ nix. Ich meine ein SOS an Admiral Nelson könnten wir ja nicht mehr funken – und eins an Captain Picard noch nicht. Aber nein. Keine Panik. Die gute Laune, die Anne unaufhörlich versprühte, und das verschmitzte Lächeln, das sich Anne und Melanie zuwarfen, ließen mich hoffen, dass Melanie von der umgänglichen Sorte war. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass Melanie ihre Rolle als Trainingsleiterin wirklich ernst nehmen und sich um ihr Squad kümmern würde.

»Willkommen bei den Velvet Ravens«, sagte Melanie und streckte Lisa und mir ihre Hand entgegen. »Es ist immer schön, Neuzugänge zu haben. Das sorgt für eine ganz tolle Dynamik. Setzt euch einfach zu uns, dann können wir uns kennenlernen. Wir sind zwar noch nicht komplett, Harald, Katja und Julia fehlen noch, aber Anne und ich können euch ja schon mal etwas über unser Squad erzählen. Den Trainingsplan, den Bella und ich dieses Jahr durchziehen wollen, will ich erst vorstellen, wenn alle da sind. Ihr könnt auch gerne euer Gepäck da hinten an die Wand stellen, dann haben wir hier etwas mehr Platz. Braucht ihr Hilfe?«

»Nein danke. Geht schon«, antwortete Lisa. Dann standen wir auf und verstauten unsere Koffer. Nur meine kombinierte Foto- und Laptoptasche nahm ich wieder mit. Es gibt einfach Dinge, die ich nicht aus den Augen lassen und immer bei mir haben möchte. Wieder am rechteckigen Tisch der Velvet Ravens angekommen, setzen wir uns Anne und Melanie gegenüber, wobei sich Melanie mittlerweile mit einer hellblonden Frau unterhielt, die neben ihr saß und auch so ungefähr in unserem Alter war.

»Also kennt ihr euch teilweise schon und macht das alles nicht zum ersten Mal?«, fragte ich Anne. Irgendwie war ich neugierig.

»Ja. Das ist Melanies, Bellas und mein drittes Cheerleader Valley. Wir haben uns vor zwei Jahren kennengelernt, angefreundet und die Velvet Ravens aufgebaut. Wir bleiben auch das Jahr über in Kontakt und treffen uns regelmäßig zum cheeren. Nichts offizielles. Privat im Garten und so – finden die Nachbarn immer lustig. Allerdings ist es auch für uns eine Premiere, dass das Cheerleader Valley hier in dem neuen Sportpark stattfindet.«

»Und wie ist das mit den anderen Teilnehmern?«

»So vielleicht die Hälfte der Mädchen war schon einmal dabei und ich schätze, dass von den Neuanmeldungen vielleicht ein Drittel irgendwo anders Cheererfahrung gesammelt hat. Aber keine Angst. Wir wachsen immer schnell zusammen. Nur wartet! Wo haben wir nur unseren Anstand … ?«, stoppte Anne plötzlich, beugte sich mit einer Eleganz, die auf mindestens 10 Jahre Ballettunterricht schließen ließ, federleicht schwebend zur Seite und winkte kurz mit ihrer flachen Hand vor den Augen der Frau, mit der sich Melanie unterhielt. Keine von beiden schien überrascht oder gar erschrocken zu sein. Anscheinend war das Annes übliche Art, sich in Gespräche einzuklinken. »Und das ist Bella Ritter, unser Co-Captain.«

»Hallo«, sagte Bella. »Dann musst du Lisa sein und du Katrin. Keine Angst. Ich bin keine Hellseherin – hab nur eure Anmeldungen und Lebensläufe mit den Fotos dran gelesen. Wirklich beeindruckend.«

»Danke«, antwortete ich, fand aber, dass ›beeindruckend‹ auch das perfekte Wort war, um Bella zu beschreiben. Sie sah einfach umwerfend aus: schlank, groß, leicht gebleichte Haare mit gepflegten blonden Locken, ein einladendes Lächeln, eine angenehme Stimme und eine absolut silikonfreie Natürlichkeit, die alles harmonisch zusammenhielt. Eins war klar. Wenn ich ein Mann oder lesbisch gewesen wäre, dann hätte ich mich sofort in sie verguckt. Lisa schien es genauso zu gehen, denn auch sie war erst einmal sprachlos.

»Lisa, darf ich mal sehen? Deine beiden Haarspangen, die haben was. Das ist heller Bernstein, oder? Ich frage, weil ich neulich so was Ähnliches gesucht habe. Vielleicht nur ein bisschen cremiger«, sagte Bella zu Lisa und brach damit sofort das Eis. Mit diesem Thema hatte sie bei Lisa nämlich offene Türen eingerannt, denn ihr müsst wissen, dass Lisa Haarspangen sammelt, dass sie ständig welche im Haar trägt, und dass sie die absolute Expertin auf diesem Gebiet ist. Ehrlich, wenn es mal so weit ist, dann wird sie immer genau wissen, welcher Haarspangenteint mal zu welcher Zigarrenmarke ihres Ehemanns passt.

»Klar«, antwortete Lisa geschmeichelt, wuselte mit verträumter Leichtigkeit die Haarspangen aus ihrer Frisur und gab sie Bella, die sie gleich an ihre Locken legte. »Ja, das stimmt. Ein leicht cremefarbener Ton stünde dir besser,« wurde sofort die Farbharmonie professionell beurteilt. »Aber falls du immer türkisen Nagellack trägst, dann solltest du die mit den dunkleren Steinen nehmen. Wir können es ja einfach ausprobieren. Der Laden, in dem Katrin und ich immer so kleine Sachen kaufen, kennt mich recht gut. Die schicken mir sicher was zur Ansicht hierher. Und wenn es dir nicht gefällt, dann geht es einfach zurück. Kein Ding. Ehrlich!«

»Das wär’ lieb. Gerne. Aber nur, wenn es wirklich keine Umstände macht.«

Lisa schüttelte den Kopf und während nun sie, Bella und Melanie anfingen, sich über alle möglichen Arten von Haarschmuck zu unterhalten, wandte ich mich wieder Anne zu, da ich neugierig war, noch ein paar weitere Details über das Cheerleader Valley zu erfahren. »Habt ihr die Teilnehmer hier nach ihrem Alter in die Squads einsortiert?«, fragte ich und sah in Richtung einer aus jüngeren Teenagern bestehenden Gruppe. Alle trugen weiße Cheerleading Uniformen mit schwarzen und grünen Streifen.

»Ja, zum großen Teil. Die Bamboo Pandas da drüben sind das Squad für Vierzehn- bis Siebzehnjährige. Bei den Golden Lions, den Jolly Dolphins und den Velvet Ravens sind alle Cheerleader mindestens achtzehn Jahre alt. Wir machen diese Trennung nicht unbedingt wegen des Trainings. Das klappt auch mit gemischten Altersgruppen sehr gut. Nur wenn es dann um die Gesprächsthemen in den Pausen geht, dann hapert es doch ein wenig. Ich meine, ich bin wirklich nicht mehr up to date, welcher Schmachter welcher Boygroup gerade in ist und diese ganzen ›Dummbeutel sucht den Dummbeutel‹–Verblödungssendungen schaue ich mir wirklich nicht an. Na ja, aber dafür gibt’s ’ne Menge Zeichentrickfilme, die ich ziemlich süß finde. Finde mal eine Sechszehnjährige, die offen dazu steht. Nee, in dem Alter ist so was doch echt uncool.«

Ich lachte, weil ich genau wusste, was Anne meinte – und immerhin hatte ich jetzt wegen der kleinen Hello Kitty Freundschaftskissen, die bei Lisa und mir neben den normalen Kopfkissen auf unseren Betten lagen, kein schlechtes Gewissen mehr. »Und wie regelt ihr die Einteilung in die drei anderen Squads?«

»Bei den Jolly Dolphins und bei uns gibt es eine gesunde Mischung aus erfahrenen und neuen Cheerleaderinnen. Vom Niveau her und von der Einstellung zum Cheerleading unterscheiden wir uns eigentlich nicht. In beiden Squads geht es um den lockeren Spaß am Sport. Natürlich sind wir alle enthusiastisch dabei und haben das Ziel, erst mal alles richtig und dann immer besser zu machen, aber wir tun das ohne echten Turnier- und Leistungsstress. Wenn du den möchtest, dann musst du zu den Golden Lions gehen. Da wird die Sache so richtig ernst.«

»So richtig ernst! Das hört sich nicht gerade angenehm an.«

»Nein. Nicht wirklich. Erst mal nehmen die Golden Lions keine Anfänger auf, sondern nur Cheerleader mit Erfahrung. Also wird da niemand unvorbereitet ins eiskalte Wasser gestoßen. Und im Vorfeld erklärt Marie jedem, der bei den Golden Lions einsteigen möchte, dass sie ausschließlich unter formellen Turnierbedingungen trainiert und dass sie sehr viel erwartet. Wegsehen bei Patzern ist nämlich nicht so ihr Ding.«

»Marie ist der Captain der Golden Lions?«

»Genau.«

»Welchen Hintergrund hat sie?«

»Marie ist promovierte Sportpädagogin und ziemlich ehrgeizig, wenn es um die Leistung ihres Squads geht. Sie ist aber sonst sehr umgänglich, hat prima Ideen für Trainingsmethoden und weder sie, noch irgendjemand von den Lions, schauen auf die anderen Squads herab. Ehrlich, wir bewundern, was Marie für den Sport tut; und wir versuchen, sie zu unterstützen, wo es nur geht. Besonders in diesem Jahr. Marie hat eine Professorenstelle an der Universität in Hamburg in Aussicht gestellt bekommen. Deren Einstellungskomitee wird wahrscheinlich zu der Abschlussvorführung in vier Wochen kommen und die Choreografie der Golden Lions genauer unter die Lupe nehmen. Aber hey, kommen wir doch mal zu dir. Du bist Fotografin? Das habe ich in deiner Anmeldung gelesen.«

»Noch nicht ganz. Ich studiere Fotografie an der Rhein-Main-Universität in Frankfurt.«

»Und wie weit bist du?«

»Wenn alles gut läuft, dann mache ich in eineinhalb Jahren meinen Master. Ich würde den Aufenthalt im Cheerleader Valley auch ganz gerne dazu nutzen, ein Portfolio für ein Studienprojekt zu erstellen. Nichts Kommerzielles, mit dem ich Geld machen will. Wirklich nur für den Schein. Lisa hat vor ein paar Wochen bei der Verwaltung nachgefragt. Die haben gesagt, dass das ginge.«

»Ist schon zu uns durchgedrungen. Und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich mich gefragt, ob du mir vielleicht helfen könntest.«

»Klar. Wie denn?«

»Normalerweise filmen Melanie und ich immer mal wieder eine einstudierte Choreografie, damit wir sie uns später noch mal in Ruhe anschauen und auswerten können. Allerdings haben wir beide nur eine kleine Knipse. Meine ist türkis und Melanies rot. Das war’s dann auch schon, was ich dir an Details nennen kann. Aber du hast doch mit Sicherheit einen Fotoapparat, mit dem man so richtig gute Bilder machen und vielleicht sogar einen Film aufnehmen kann.«

»Ja, ich habe eine digitale Spiegelreflexkamera, mit der ich wirklich zufrieden bin. Sie ist auch schnell genug für Sportaufnahmen und hat eine Videofunktion – allerdings ist die jetzt nicht so komfortabel wie die bei einem neuen Handheld HD-Camcorder.«

»Hört sich trotzdem super an! Was denkst du? Könntest du von unserem Training Aufnahmen machen? Dass würde Melanie und mir erlauben, später noch mal genau zu sehen, wie gut zum Beispiel das Timing der Moves oder wie synchron das Squad bei der Dance Formation ist.«

»Gerne. Nur sag mir bitte, wann genau und was genau ich aufnehmen soll. Dann werde ich mit Sicherheit bessere Bilder machen.«

»Deal!«

Puh. Das klang gut, denn damit würde ich wirklich keine Probleme mehr haben, Material für mein Portfolio zu sammeln. Und natürlich wollte ich jetzt noch mehr wissen, wie die kommenden vier Wochen ablaufen würden. »Anne, kannst du mir schon sagen, was Lisa und ich im Cheerleader Valley lernen werden?«, fragte ich also.

»Die erste Woche werden wir uns darum kümmern, euch die Grundlagen des Cheerleadings und alle Basic Moves beizubringen. Die restlichen drei Wochen studieren wir dann eine längere Choreografie ein, die wir auch bei der Abschlussveranstaltung vorführen werden.«

»Abschlussveranstaltung mit Abschlussvorführung?«

»Ja, so was wie der Abschlussball in der Tanzschule. Nur dass du dir hier keine Gedanken um einen Partner machen musst. Du hast ja schon dein Squad«, lachte Anne und überlegte dann kurz. »Hm, mal sehen. Wir beide haben ungefähr die gleiche Größe und Figur. Dann sind doch Gymnastik- und leichte Akrobatikeinlagen mit Sicherheit dein Ding. Und Lisa kann ich mir prima mit Melanie und Bella in einer Dance Formation vorstellen. Ja, ich glaube, ihr passt wirklich gut zu uns.«

»Und was machst du normalerweise in der Choreografie?«

»Na ja. Auch Gymnastik, die dann aber in nicht mehr ganz so bodennahe Akrobatik übergeht.«

»Nicht mehr ganz so bodennahe Akrobatik?«

»Die Spitze unserer Cheerpyramide und so was.«

Schluck. Das hatte ich dann doch erst mal verdrängt und mir wurde ganz schwindelig, als ich mir vorstellte, wie Anne auf eine aus Cheerleadern bestehende Pyramide klettert und da oben rumturnt. Autsch. Ich beschloss daher, dass ich Annes Vorschlag, bodennahe Gymnastik zu machen, recht sympathisch fand und daran garantiert nichts ändern wollte. »Wow, das hört sich aufregend an. Und ein bisschen gruselig.«

»Alles halb so wild! Da gewöhnt man sich dra- … hey, da kommt Harald«, sagte Anne und blickte zu einem breiten Fenster, durch das man den Parkplatz des Sportparks sehen konnte. Dort fuhr ein großer, dunkelblauer BMW Cabrio in eine Parkbucht. Das Verdeck des Wagens war offen und so konnte ich drei Personen erkennen: Ein Endzwanziger in einem dunklen Anzug saß am Steuer, einen Mittzwanziger saß neben ihm auf dem Beifahrersitz und ein vielleicht zwölfjähriges Mädchen grinste fröhlich in unsere Richtung. Nachdem der Wagen angehalten hatte, stiegen alle drei aus. Der jüngere der beiden Männer, der eine Velvet Ravens Uniform trug und damit wohl zu unserem Squad gehörte, ging zu dem Kofferraum des Wagens, öffnete ihn, holte sein Gepäck heraus und lief dann mit den beiden anderen zielstrebig auf den Eingang zu.

»In unserer Uniform, das ist Harald Tiede. Er ist das zweite Mal dabei, ziemlich talentiert und einfach nur ein netter Kerl. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass er bei uns im Squad ist«, erklärte Anne mit einer Begeisterung, die definitiv nicht nur professioneller Natur war. »Wir haben immer Männermangel im Cheerleader Valley. Dieses Jahr ist es besonders übel. Harald und Christopher von den Golden Lions sind die einzigen männlichen Teilnehmer. Dass Harald wieder bei uns ist, ist so prima, denn mit ihm im Squad kann ich unsere Choreografie viel abwechslungsreicher gestalten – auch wenn die Sache mit der Symmetrie in der Formation dann ein bisschen herausfordernd wird.«

Na klar! Natürlich dachte Anne ausschließlich an die Symmetrie der Formation, als sie sich freute, dass Harald in unserem Squad war. Oh, und ›nett‹ bedeutete mit Sicherheit auch wirklich nur ›nett‹. Wie konnte ich da was reininterpretieren? Aber was meint ihr? Ja! Ganz genau! In diesem Moment klang Anne ungefähr so überzeugend, wie die Jungs, die auch immer sagen, dass sie dieses Magazin selbstverständlich nur wegen der echt guten Witze und der interessanten Interviews lesen. Nee, für die Bilder interessiert sich da doch keiner.

»Nehmen die beiden anderen auch am Cheerleader Valley teil?«, fragte ich Anne, nachdem ich mir zumindest eine kleine Chance ausgerechnet hatte, dass sie mich wieder wahrnehmen würde.

»Nein. Der, der gefahren ist, ist Haralds älterer Bruder Jan. Er hat Harald ins Valley gebracht, da Harald in Hamburg studiert und in der Stadt eigentlich kein eigenes Auto braucht. Der Zwerg ist Nora, Haralds und Jans kleine Schwester. Sie will immer mitkommen, denn sie ist ganz wild drauf, die Cheerleaderinnen zu sehen. Ich wette, dass sie in zwei Jahren bei den Pandas anfängt. Dann ist sie alt genug und wird nicht mehr zu bremsen sein. Oh, mach aber bei Harald bitte keine Witze über Disziplin. Das käme nicht gut an. Er nimmt das Thema sehr ernst. Sein Vater ist Admiral der Deutschen Marine und du wirst merken, dass dessen Einstellung zu Pflichtbewusstsein recht positiv auf Harald und Jan abgefärbt hat. Die wissen beide wirklich, was Anstand und super Verhalten ist. Und warte nur ab, zu was für einer knuddeligen Lady Nora mal heranwachsen wird.«

»Okay. Sohn eines Admirals. Das hat was«, sagte ich vor mich hin.

Anne nickte und schon einen Moment später driftete ihr Blick wieder zu Harald, der mittlerweile in der Mensa angekommen war und sich von seinen beiden Geschwistern verabschiedete. Das Verhältnis der drei schien sehr herzlich zu sein, allerdings fragte mich gleich eine zynische Stimme in meinem Kopf, ob Harald in Wahrheit nur von seinem Bruder zum Cheerleading gefahren werden musste, weil auch er besoffen eine rote Ampel umgebrettert hatte und damit im Moment in dieser ›ich darf vier Wochen kein Auto fahren und brauche einen Chauffeur‹-Phase war.

»Die Damen. Darf ich mich zu ihnen setzen?«, fragte uns Harald, in dessen Stimme eine interessante Mischung aus liebevoller Ironie und Besonnenheit eingewoben war. Und wie ihr es euch sicherlich auch schon gedacht habt, war er natürlich zielstrebig zu unserem Tisch gelaufen, sowie er Anne erblickt hatte.

»Hey, komm her«, antwortete Anne und erwiderte Haralds Umarmung.

Während er sich hinsetzte, nickte Harald mich kurz an, warf dann aber Anne einen leicht hilfesuchenden Blick zu.

»Das ist Katrin«, erlöste Anne ihn. »Sie fängt mit ihrer Freundin Lisa bei uns an und wir haben uns gerade darüber unterhalten, was die beiden im Squad machen können. Katrin hatte in der Schule super Noten in Gymnastik, also habe ich da schon ein paar Ideen.«

»Freut mich, dich kennenzulernen«, sagte Harald und gab mir die Hand. Er blickte kurz nach links, anscheinend um zu prüfen, ob er sich jetzt auch Lisa vorstellen sollte. Die war allerdings noch so tief in ihr Gespräch mit Melanie und Bella verwickelt, dass das Ganze bis später Zeit haben musste.

»Freut mich auch«, antwortete ich und dachte, dass Anne mit ihrer Beschreibung recht hatte. Harald machte wirklich auf eine sehr angenehme Art und Weise einen netten und höflichen Eindruck. Und er kam jetzt nicht gekünstelt oder gar schleimig rüber, sondern ganz natürlich. Schien alles selbstverständlich für ihn zu sein.

»Das sieht aus wie eine Video– … nein, eher wie eine Fotoausrüstung. Fotografierst du? Vielleicht sogar professionell?«, fragte mich Harald und zeigte auf meine Fototasche.

»Das macht sie. Katrin studiert Fotografie und sie wird Melanie und mir bei der Auswertung der Choreografie helfen. Es ist wirklich toll, sie bei uns zu haben.«

»Auf jeden Fall«, sagte Harald. »Dann weiß ich jetzt also, an wen ich mich wenden kann, wenn ich mal jemanden brauche, der bei Hochzeiten fotografiert und … nein, das tut mir leid. Das war eben ziemlich unhöflich von mir, weil ich dich mit meiner Bemerkung in eine kommerzielle Ecke gedrängt habe. Du hast später als Fotografin sicher viel größere Dinge vor.«

»Nein, das war wirklich nicht schlimm. Die Bemerkung war sogar nett«, antwortete ich. »Ich meine, ich weiß doch, dass ich nach meinem Abschluss nicht nur Kunst im Vakuum kreieren kann, sondern auch Geld verdienen muss. Und bei Hochzeiten zu fotografieren, ist ein sehr schöner und unwahrscheinlich verantwortungsvoller Job. Für das Brautpaar ist das ein einmaliger Tag und da bin ich es den beiden schuldig, mein Bestes zu geben und perfekte Bilder zu machen. Und glaube mir, du brauchst wirklich eine Menge akrobatisches Talent, um die Hochzeitsgesellschaft während der Aufnahme des Gruppenbilds ruhig zu halten.«

Harald lachte. »So habe ich die Dinge noch nie gesehen. Werde es mir aber auf jeden Fall für die Zukunft merken.«

»Weil du bald heiratest?«, fragte ich geradeheraus und vielleicht ein bisschen zu direkt und indiskret. Aber irgendwie machte ich mir Sorgen wegen Anne. Sie hätte mir doch sicher erzählt, wenn sie und Harald verlobt wären.

»Nein. Ich studiere evangelisches Pfarramt. Ich habe vor kurzen mit dem Vikariat … mit dem formellen Vorbereitungsdienst für Pfarrer begonnen und freue mich schon jetzt darauf, später Trauungen durchzuführen.«

»Pfarrer. Wow. Und Cheerleader. Das ist … .« Okay, Katrin, das war jetzt richtig direkt und indiskret.

Aber Harald schien solche Bemerkungen gewohnt zu sein und trug sie mit Humor. »Ich weiß, dass es nicht allzu viele cheerleadende Pfarrer gibt, aber ich sage mir immer, dass wir ja in einer Welt leben, in der ehemalige Cheerleader grottenschlechte Präsidenten abgegeben haben. Also habe ich mir einfach vorgenommen, jetzt mit vollem Stolz Cheerleader zu sein und später eben noch ein guter Pfarrer zu werden.«

»Das wird dir bestimmt gelingen«, lachte ich und hoffte, dass ich es mit Haralds Hilfe jetzt schaffen würde, für den Rest des Tages alle weiteren Fettnäpfchen zu umschiffen.

Im Raum wurde es auf einmal deutlich lauter und ein allgemeines Gewusel setzte ein. Anne schien meinen verwirrten Blick zu bemerken und zeigte in Richtung Essensausgabe, die gerade dabei war zu öffnen. Der Andrang war groß, denn wie man an den vielen an den Wänden lehnenden Koffern erkennen konnte, waren so wie Lisa und ich die meisten Teilnehmer heute angereist und freuten sich jetzt auf die wahrscheinlich erste richtige Mahlzeit des Tages.

»Wollen wir?«, fragte Harald und nahm mir damit die Bürde ab, gierig als erste aufzustehen.

»Das läuft doch bisher alles prima«, sagte Lisa zu mir, bevor wir losliefen. »Ich habe mich die ganze Zeit mit Bella und Melanie unterhalten. Die sind beide wirklich super nett. So wie es aussieht, werden wir in dem Squad zu dritt an einer Dance Formation arbeiten. Mit allem Chic und so. Hast du schon eine Idee, was du machen wirst?«

»Anne hat gemeint, dass sie mich für Gymnastik und leichte Akrobatikeinlagen einplanen möchte.«

»Das hört sich beides wirklich gut an«, antwortete Lisa und dann waren wir auch schon bei dem Vorspeisenbüffet angelangt, wo wir uns erst mal so akrobatisch wie möglich zwei Salatportionen auf unsere Teller stapelten. Als wir aber die Regale mit den Nachtischen erreichten, kam es zu einem kleinen Minikonflikt (keine Angst, nix Ernstes), da sowohl meine als auch Annes Hand zielsicher auf das letzte Stück Käsekuchen mit Kirsche zuschossen. Wir schauten uns an und grinsten, aber dann beschloss ich, Anne den Vortritt zu lassen. Immerhin hatte sie ja vorhin Lisa und mich gleich so herzlich in das Squad aufgenommen.

»Hier, nimm du es«, sagte ich zu Anne und legte mir schnell ein Stück Streuselkuchen auf meinen Teller. Nun gab es kein Zurück mehr.

»Hey, danke. Jetzt heißt es nur aufpassen, dass mir dieses Prachtexemplar von Kirsche nicht herunterfällt«, antwortete Anne und ging mit ihrer Eroberung freudig zurück zum Tisch.

Während des Essens sprach Anne Melanie noch auf ihre Ideen für meine Rolle im Squad an und bekam gleich grünes Licht. Ich war erleichtert, denn auch das zeigte mir, dass die Stimmung in unserem Squad und anscheinend auch im ganzen Cheerleader Valley recht harmonisch war. So wie es aussah, glänzten Zicken und deren Terror hier durch nette Abwesenheit.

Als wir aber nach einer Weile anfingen, uns mit den Nachtischen auf unseren Tellern zu beschäftigen, merkte ich, dass mit Anne etwas nicht stimmte. Sie legte von dem einen auf den anderen Moment ihre linke Hand auf die Brust, spannte ihren Oberkörper an und versuchte einzuatmen. Aber es ging nicht. »Anne. Was ist los?«, fragte ich besorgt.

Anne zeigte mit dem Finger auf die Delle auf der Oberseite ihres Käsekuchenstücks. Dann stand sie auf. Sie hatte Panik in den Augen und ihre Lippen verloren ihr Rot; wurden langsam blau, so wie wenn ich in meiner Bildbearbeitung den Regler für die Farbe verschiebe und alles kälter erscheinen lasse. Ich musste etwas tun, musste zu ihr, aber links und rechts waren die Tische noch ein paar Meter aneinandergereiht, so dass ich nicht einfach schnell zu ihr laufen konnte. Also beugte ich mich nach vorne und war bereit, notfalls über den Tisch zu springen, um Anne zu helfen. Sie stolperte noch ein Stück zur Seite und da bemerkte auch Harald, dass etwas nicht stimmte. Fragend schaute er erst Anne, dann mich und dann wieder Anne an.

»Sie hat eine Kirsche verschluckt. Sie bekommt keine Luft mehr«, sagte ich zu Harald.

Harald reagierte sofort. Er stand auf und ging auf Anne zu, die ohne zu sehen, wo es langging, immer weiter und weiter nach hinten stolperte. Die Distanz zwischen den beiden vergrößerte sich, da Harald erst einmal Annes Stuhl zur Seite schieben musste, der ihm im Weg stand. Dann wurde auch Annes Gesicht blau. Ihre Pupillen flackerten hektisch nach links und rechts und ich war mir sicher, dass ich Todesangst in ihren Augen sehen konnte. Sie stolperte weiter rückwärts, immer unkontrollierter in Richtung Essensausgabe. Harald war fast bei ihr, doch da stieß Anne mit einer jungen Cheerleaderin der Pandas zusammen, die damit beschäftigt war, ein halbes Dutzend randvoller Gläser auf ihrem Tablet zu balancieren und deshalb Anne übersehen hatte. Dann ging alles ganz schnell, so wie in Zeitlupe. Begleitet von dem Klirren des fallen gelassenen Tabletts der Cheerleaderin, verlor Anne vollends das Gleichgewicht und stürzte nach hinten.

Sie schlug mit dem Genick hart auf der messerscharfen Kante eines großen Suppenkochtopfs auf. Wir hörten ein knackendes Reißen und sahen dann, wie Annes Köper zügig an der Außenwand des Kochtopfs entlangrutschte, dabei eine 25 cm breite Blutspur hinterließ und schließlich auf den Boden platschte. Ich schaute hin. Es war vorbei. Aber dort, wo vor wenigen Augenblicken noch Annes Kopf gesessen hatte, da war nichts mehr. Blut, immer mehr Blut überströmte den Boden der Mensa. Panik brach in dem Saal aus und ich rechnete damit, dass wir uns alle gleich tottrampeln würden. Dann glitt mein Blick nach oben in den Suppenkochtopf, in dem jetzt Annes abgetrennter Kopf schwamm. Ihre Augen waren durch die Hitze bereits geplatzt und zwischen ihren noch immer blauen Lippen kam eine blutrote Kirsche zum Vorschein...

Ende des Previews

© Edgar Achenbach

 

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